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Energieeffizienz - der schlafende Riese

Woran denken wir als erstes, wenn uns jemand die Lösung für die meisten Energieprobleme verspricht? Vermutlich nicht ans Energiesparen. Aber es wäre die richtige Antwort. «The first fuel» nennt es die Internationale Energieagentur, den ersten aller Energieträger – der schlafende Riese der Energiewende, sagen andere. Die beste Kilowattstunde ist jene, die wir nicht erzeugen müssen. Effizienz ist nicht alles, aber ohne Effizienz ist alles nichts.

von Elmar Grosse Ruse

Doch warum denken wir bei der Bewältigung der Energieprobleme vor allem an Energieträger wie Wasserstoff und Erzeugungstechnologien wie Wasserkraft, Photovoltaik oder gar Kernfusion? Neben strahlenden Solarmodulen auf dem Hausdach und prestigeträchtigen Wasserstoff-Pilotanlagen haben gedämmte Gebäudehüllen und hocheffiziente Umwälzpumpen keine Chance. Energieeffizienz ist meist unsichtbar und wenig sexy. Effizienz ist die graue Maus der Energiewende. Das bedeutet: Wer bei Energiewende und Klimaschutz erfolgreich sein will, muss die schlafende, graue Maus in einen wachen, bunten Riesen verwandeln.

Der Einsatz lohnt sich. Seit Beginn der Industrialisierung kannte die globale Energieverbrauchskurve nur eine Richtung – bergauf. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts ging’s sogar steil bergauf. Seit Entdeckung der Elektrizität verlief der Stromverbrauch vergleichbar. Nicht global, aber in der Schweiz haben sich beide Verbrauchskurven in der jüngsten Vergangenheit gedreht: Der Endenergieverbrauch und der Stromverbrauch sinken seit rund zehn Jahren. Aber das reicht nicht. Zum einen, weil die Dekarbonisierung von Strassenverkehr, Raumwärme und Warmwasser den Stromverbrauch voraussichtlich wieder steigen lassen. Zum anderen, weil wir unsere Ökosysteme deutlich übernutzen, wenn wir beim Wechsel von Öl und Gas zu erneuerbaren Energien den Energieverbrauch insgesamt nicht stärker reduzieren. 

Technisch wäre das alles kein Problem. Die Effizienzpotenziale in den verschiedenen Sektoren und Verwendungszwecken sind riesig. Wo Energie umgewandelt wird, schafft die Technik allein Fortschritte von zwei bis drei Prozent pro Jahr: Ein durchschnittliches neues Wohngebäude verbraucht heute etwa die Hälfte der Heizenergie wie vor 20 Jahren – ein Fortschritt von 2,5 Prozent pro Jahr. Bei elektrischen Haushaltgeräten sieht es ähnlich aus: Kühlschränke beispielsweise sind im Zeitraum von 1990 bis heute über 50 Prozent effizienter geworden. Die Energieeffizienz nahm hier um zwei Prozent pro Jahr zu (EBP AG 2015). Warum löst sich das Problem also nicht von selbst? 

Ein durchschnittliches, neues Wohngebäude verbraucht heute etwa die Hälfte der Heizenergie wie vor 20 Jahren. Bei optimaler Dämmung lässt sich der Energiebedarf sogar fast vollständig reduzieren. Bild: © Europhoton – stock.adobe.com

Warum Effizienz kein Selbstläufer ist

Energieverschwendung ist meist unsichtbar. Keine Warnmeldung auf dem Handy blinkt auf, wenn der alte Bildschirm über Nacht Wattstunden frisst. Die jährliche Stromrechnung erklärt nicht von selbst, warum sie so hoch ausfällt. 

Und selbst wenn wir präzise über unseren Energieverbrauch Bescheid wissen – manch ein Smart Meter samt passender App ermöglicht dies heutzutage – ist es uns doch meist egal. Energie und Strom sind (oder waren bislang) schlicht und einfach zu billig.

Wird Energie so teuer, das es weh tut, tut dies oft dem weh, der gar keinen Einfluss auf die Verschwendung hat: Vermieter:innen bestimmen über die Gebäudedämmung – Mieter:innen zahlen die Energiekosten. Telekommunikationsdienstleister subventionieren ineffiziente WLAN-Router und Set Top Boxen, die sich kaum noch ausschalten lassen – die Stromkosten landen bei den Nutzer:innen. 

Und selbst dort wo wir den Energieverbrauch beeinflussen können, muss das im Alltag auch gelingen. Denn verschwenderische Gewohnheiten wie ein ständig gekipptes Fenster in der Heizperiode und falsche Entscheidungsregeln wie zum Beispiel «alte ineffiziente Geräte nutzen, bis sie kaputt gehen» halten sich oft hartnäckig. 

Zu all dem gesellt sich noch eine spezielle Herausforderung: Wir Menschen nutzen Einsparungen bei Energie und Kosten häufig dazu, an anderer Stelle mehr zu verbrauchen: Das beim Heizen gesparte Geld wird in eine Fernreise investiert. Das sparsamere Auto zu fahren, beruhigt das ökologische Gewissen so sehr, dass wir das Auto häufiger nutzen. Und wenn der neue Kühlschrank oder Fernseher kein Stromfresser mehr ist, darf es ruhig ein grösseres Modell werden. «Rebound» nennt sich das Phänomen, das geeignet ist, einen Teil der technisch möglichen Effizienzfortschritte aufzufressen. «Suffizienz» (Genügsamkeit) nennt sich eine der Antworten darauf: Wir konsumieren bewusst in dem Masse, wie es uns tatsächlich glücklich macht und hinterfragen so alte Verhaltensmuster und Konsumgewohnheiten. Waren wir tatsächlich nicht glücklich mit der Grösse des TV-Bildschirms in den 90er Jahren? Bringt wirklich nur eine Fernreise erfüllende Erholung?

Durch moderne Beleuchtungskonzepte mit LED-Lampen, Sensor-Leuchten und Solarstrom sind Einsparungen von über 90 Prozent des Stromverbrauchs möglich. Bild: © gumpapa – stock.adobe.com

Die Politik ist gefragt

Wenn Energieeffizienz kein Selbstläufer ist, wenn der Rebound-Effekt droht und wenn es um suffiziente Lebensstile geht, dann braucht es geeignete Rahmenbedingungen. Die bisherigen Rahmenbedingungen haben Verschwendung gefördert, für Veränderung ist die Politik gefragt. 

Am meisten Energie verschenken wir bei der Raumwärme. Durch optimale Gebäudedämmung lässt sich dieser Energiebedarf sogar fast vollständig «wegsparen». Doch aktuell wird der Gebäudebestand in der Schweiz so langsam saniert, dass er erst in rund 100 Jahren einen akzeptablen energetischen Standard erreichen würde. Eine Sanierungsoffensive könnte das riesige Effizienzpotenzial nutzen. Dazu müssen die Kantone ihre Energiegesetze so anpassen, dass die Gebäudehülle bei allen Sanierungsarbeiten die Mindeststandards für Wärmeschutz erfüllt. Auch die Sanierung von Küche oder Bad sollte als Anlass für energetische Vorgaben gelten. Ausserdem braucht es – wie in der EU geplant – anlassunabhängige Mindesteffizienzstandards, die sämtliche Gebäude in 10 bis 15 Jahren zu erfüllen haben. Flankiert werden diese Sanierungsvorgaben durch höhere Zuschüsse aus dem Gebäudeprogramm und umfassende Finanzierungsangebote, die fehlende Zahlungsbereitschaft oder Kreditfähigkeit überbrücken helfen. 

Die für diese Sanierungsoffensive erforderlichen Fachkräfte werden frei, wenn zugleich deutlich weniger neu gebaut würde: durch ein Moratorium für neue Infrastrukturbauten und konventionelle Gebäude bis 2035. Es dürften nur noch Bauten erstellt werden, die über ihren Lebenszyklus eine negative CO2-Bilanz aufweisen, zur Dekarbonisierung der Mobilität beitragen (z.B. Fahrradwege) oder dringend benötigt werden (z.B. Schulen). Auch Anlagen zur Erzeugung von erneuerbarer Energie wären vom Moratorium ausgenommen. Dadurch könnte sich ein Grossteil der finanziellen und personellen Ressourcen auf die Sanierung des Bestands konzentrieren und zugleich würden die immensen grauen Emissionen des bisherigen Neubaubooms begrenzt.

Dem künftig steigenden Stromverbrauch begegnen wir am wirksamsten durch Austauschvorschriften für die grössten Stromschleudern – Elektroheizungen. Ausserdem braucht es regelmässig verschärfte Effizienzstandards für Geräte. Kühlschränke und Kaffeemaschinen, die unnötig viel Strom brauchen, dürfen dann schlicht und einfach nicht mehr verkauft werden. Ein Effizienzauftrag oder -bonus für Stromnetzbetreiber würde helfen, die Akteure für Effizienzmassnahmen zu motivieren, die über das Knowhow verfügen, bislang aber kaum eigene Sparanreize haben. Grossangelegte Förderprogramme für hocheffiziente Querschnittstechnologien (Lüftungen, Pumpen, elektrische Motoren etc.) heben schlummernde Effizienzpotenziale in Industrie, Handel, Gewerbe, Landwirtschaft und Privathaushalten. Und die öffentliche Hand sollte bei Beschaffung und Betrieb als Vorbild vorangehen und sich höchste Standards setzen.

Dass politische Rahmenbedingungen tatsächlichhelfen, grosse Einsparpotenziale zu erschliessen, zeigt das Beispiel einer Tiefgarage in einer Zürcher Wohnsiedlung: Durch die Erneuerung der Beleuchtung wurde – wie eine Langzeitmessung zeigt – 92 Prozent (!) des Stroms eingespart. Dabei wurde nicht eine ineffiziente Beleuchtung aus den 1970-Jahren erneuert, sondern eine Anlage, die bis vor zehn Jahren dem neusten Stand der Technik entsprach: effiziente Leuchtstoffröhren mit Bewegungsmeldern. Die hohe Einsparung war möglich, weil nicht nur Leuchtstoff- durch LED-Leuchtmittel ersetzt wurden, sondern eine intelligente Beleuchtung realisiert wurde. Dazu gehört die präzise Einstellung der richtigen Beleuchtungsstärke, der Einsatz von vernetzten Sensor-Leuchten und eine sehr rasche Absenkung der einzelnen Leuchten auf Grundlast, wenn sich kein Fahrzeug und keine Person in nächster Nähe befindet. Dieses Resultat ermöglichten politische Rahmenbedingungen wie Gerätestandards (Verbot von ineffizienten Leuchtmitteln), Förderprogramme und Beratungsangebote. 

Effizienz löst nicht alle Probleme

Werden die politischen Massnahmen zügig umgesetzt, dann wird aus der schlafenden grauen Maus tatsächlich ein wacher, bunter Riese. Dann gelingt es uns, den heutigen Energiebedarf um mindestens ein Drittel zu verringern. Was wir dann immer noch brauchen, sind klima- und naturverträgliche Energiequellen für die verbleibenden zwei Drittel – und zwar schnell. Die – richtige und wichtige – Fokussierung auf Effizienz darf daher nicht als Ausrede dienen für Zurückhaltung beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Auch mit grossen Erolgen bei der Energieverbrauchsreduktion brauchen wir unter anderem Hunderttausende neue Solaranlagen, Hunderte Windräder und eine starke, ökologisch sanierte Wasserkraft. Denn ohne Effizienz ist alles nichts – aber Effizienz ist eben auch nicht alles. 

Elmar Grosse Ruse

hat Psychologie mit Vertiefung in Umweltpsychologie, Umweltökonomie und Politik studiert. Von Mai 2012 bis Mai 2022 arbeitete er als Projektleiter Klima und Energie beim WWF Schweiz in Zürich. Aktuell entwickelt er länderübergreifend Beratungsangebote in den Feldern Energiewende, Umweltbildung und Klimakommunikation. 

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