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Suffizienz: Die Frage nach dem richtigen Mass

Dr. Jeannette Behringer ist zuständig für Nachhaltige Entwicklung in Forschung und Lehre an der Universität Zürich. Im Interview mit Aqua Viva erzählt sie, wieso die Energiewende nur dann gelingen kann, wenn sich die Gesellschaft neben Effizienz und Konsistenz auch auf Suffizienz fokussiert.

Das Gespräch führte Lou Goetzmann

Frau Behringer, was bedeutet Suffizienz?

Suffizienz kommt vom Lateinischen «sufficere», also «ausreichen» oder «genügen». In der Diskussion um Nachhaltigkeit meint man damit alle Ideen und Massnahmen, die die Nachfrage nach materiellen Ressourcen senken und so die Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen erhalten. Am Beispiel Energie geht es also schlicht darum, insgesamt weniger Energie zu verbrauchen.

Was ist der Unterschied zur Effizienz?

Die Effizienz bezieht sich im Vergleich dazu nicht auf die gesamte Nachfrage, sondern auf ein einzelnes Gut oder eine Dienstleistung. Generell geht es darum, das Verhältnis zwischen Input und Output zu optimieren. Die Effizienz ist ein sehr wichtiger und erfolgreicher Ansatz. Durch grössere Effizienz entstehen weniger ökologische Kosten, aber natürlich auch weniger Produktionskosten und folglich mehr Profit. Gleichzeitig mogeln wir uns aber um die grosse Frage des Gesamtverbrauchs herum. Zugespitzt: Wir konsumieren immer mehr sehr effiziente Güter. Das wird auch «rebound»-Effekt genannt. Und genau deshalb müssen wir den Gesamtnachfrage, die Suffizienz, mit im Blick behalten. 

Was ist denn der Nachteil, wenn man sich zu fest auf Effizienz fokussiert?

Wir reden nun schon seit 50 Jahren über nachhaltige Entwicklung und damit über eine geringere Umweltbelastung. Der gesamte globale Energie- und Materialverbrauch sowie die Abfallproduktion sind trotzdem gestiegen. Gleichzeitig war die technologische Entwicklung zum Teil sehr effizient. Deshalb müssen wir an der Suffizienz ansetzen, und das bedeutet letztlich am Verhalten.

Welche Rolle spielt die Suffizienz in der Energiewende?

Wir vertrauen momentan sehr stark auf eine technologische Umstellung, um zum Beispiel in den Bereichen Verkehr oder Wohnen klimaneutral zu werden. Trotz dem Ausbau von Erneuerbaren und einer erhöhten Effizienz können wir die Ziele der Energiestrategie 2050 aber nur erreichen, wenn wir auch unseren gesamten Energieverbrauch reduzieren. Dabei müssen wir insbesondere die internationalen Energieströme berücksichtigen. Zwei Drittel unserer Emissionen, zumeist aus fossilen Brennstoffen gewonnen, entstehen im Ausland, für Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgung von Gütern. Ein Beispiel ist das Elektroauto. Dieses fährt zwar lokal emissionsfrei, dessen Batterie enthält aber sehr viel «graue Energie», welche bei der Produktion im Ausland entsteht. Ohne den Blickwinkel der Suffizienz ist die Gefahr gross, dass wir die Umweltbelastung einfach auslagern.

Viele setzen Suffizienz mit Verzicht und Einschränkungen gleich.

Wir reden nicht über «keinen Konsum», sondern über die Frage nach dem richtigen Mass. Wir sind in einer Verschwendungsgesellschaft angekommen, in der viele Menschen ohne Sinn und Mass konsumieren. Um in gesättigten Märkten überhaupt noch Produkte und Dienstleistungen abzusetzen, werden wir mit unglaublichen Marketingstrategien gelockt. Das Konzept «No regret» stammt aus der Klimadebatte und meint, dass wir viele Massnahmen ergreifen könnten, die wir nicht als Wohlstandseinbusse empfinden. Ein sehr einfaches Beispiel: Warum werden Postkarten nochmals in eine Papiertüte gepackt? 

Ist die Suffizienz ein neues Konzept? 

Die Frage nach dem richtigen Mass beschäftigt die Menschheit seit jeher. Für Aristoteles war dies Teil seiner Tugendethik. In der Nachhaltigkeitsdebatte werden die drei Prinzipien Konsistenz, Effizienz und Suffizienz seit den 90er Jahren debattiert. Angesichts der klaren Evidenz der planetaren Belastungsgrenzen – der Swiss Overshoot Day war dieses Jahr bereits am 13. Mai – sollte uns klar sein, dass die Erhaltung der Lebensgrundlagen ohne Suffizienz nicht gelingen wird. Das ist eine grosse Herausforderung: Wir reden hier von grundsätzlichen kulturellen Veränderungen. Deshalb ist es richtig, dass Suffizienz nicht mehr nur ein Thema des individuellen Lebensstils ist, sondern es wird nun auch über Suffizienzpolitik diskutiert. Man meint damit die Rahmenbedingungen, welche Bund, Kanton und Gemeinden setzen können, damit massvoller Konsum als kluges Verhalten belohnt wird.

Wie könnten solche Rahmenbedingungen aussehen?

Ein wichtiges, oft diskutiertes Thema ist «ökologische Kostenwahrheit». Der Wert der ökologischen Ressourcen und auch der ökologischen Schäden, die bei der Produktion eines Gutes entstehen, müssen sich in den Preisen widerspiegeln. Ein Kilo Nüsse verbraucht in der Herstellung ungefähr 5000 l Wasser, der sog. «Wasserfussabdruck». Das muss sich in den Produktpreisen widerspiegeln, die dann teurer werden. Im Bereich Lebensmittel jedoch sind dann biologisch produzierte Lebensmittel z.T. billiger als konventionell produzierte.

Profitieren auch unsere Gewässer von mehr Suffizienz?

Lange Zeit hatten wir den Eindruck, dass wir in der Schweiz kein Problem mit der Ressource Wasser haben. Doch jetzt geht auch bei uns die Diskussion los bezüglich der Wasserknappheit, zum Beispiel in der Landwirtschaft im Sommer. Trotzdem verwenden wir immer noch Trinkwasser zum Duschen oder zum Toilettenspülen. Hier wäre also die Frage, wie wir weniger wertvolles Wasser verschwenden können. 

Dr. Jeanette Behringer

Dr. Jeannette Behringer ist Sozialwissenschaftlerin und Ethikerin und zuständig für Nachhaltige Entwicklung in Forschung und Lehre an der Universität Zürich.

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