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Bild: © Jana Tischer, Aqua Viva

Interview aus aqua viva 2/2026

Zwischen Autobahn und Auenlandschaft: Der Pfynwald im Wandel

Der Pfynwald gehört zu den artenreichsten Landschaften der Schweiz. Im Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn A9 wurden hier umfassende ökologische Aufwertungen umgesetzt. Michel Fontannaz von der Dienststelle für Nationalstrassenbau des Kantons Wallis erklärt, welche Massnahmen umgesetzt wurden und welche Erfolge heute bereits sichtbar sind.


Das Gespräch führte Jana Tischer

Herr Fontannaz, der Pfynwald mit seiner Auenlandschaft ist einzigartig in der Schweiz. Warum waren überhaupt ökologische Aufwertungen notwendig?

Früher floss die Rhone im Pfynwald frei durch eine breite, dynamische Auenlandschaft mit zahlreichen Seitenarmen. Diese Dynamik prägte eine aussergewöhnlich vielfältige Landschaft. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Fluss jedoch durch Dämme eingeengt. Gleichzeitig führten Wasserentnahmen und intensiver Kiesabbau dazu, dass natürliche Prozesse verloren gingen. Die Landschaft wurde für die Bebauung und Bewirtschaftung stabiler, aber auch monotoner: Seitenarme verschwanden, Flächen verwaldeten und viele spezialisierte Arten verschwanden. Besonders betroffen war der Rottensand, eine trockene, heisse Schwemmlandebene mit nährstoffarmen Ablagerungen. Er hatte Anfang des 20. Jahrhunderts hunderte Seitenarme und eine fantastische Biotopvielfalt.

Wie kam es im Zusammenhang mit der A9 zu den Aufwertungsmassnahmen?

Das Nationalstrassennetz wurde bereits 1960 beschlossen, das generelle Projekt des Autobahnabschnitts durch den Pfynwald 1991 genehmigt. Kurz darauf, im Jahr 1992, wurde das Gebiet mit der Auenverordnung unter Schutz gestellt und ins Bundesinventar der Auen von nationaler Bedeutung aufgenommen. Diese sind ungeschmälert zu erhalten und, wo nötig, aufzuwerten. Damit wurde klar: Der Autobahnbau darf diese wertvolle Landschaft nicht beeinträchtigen, ohne sie gleichzeitig ökologisch aufzuwerten. So wurden umfangreiche Ersatz- und Ausgleichsmassnahmen im Auflageprojekt ausgearbeitet. Vom Bau der A9 ist vor allem der Föhrenwald betroffen, ausserdem in geringerem Masse ein Amphibienlaichgebiet. Da aber vor allem die Gewässerlebensräume im Pfynwald eine mangelnde ökologische Qualität aufwiesen, fokussierten sich die Ausgleichsmassnahmen auf die Rhone, ihre Zuflüsse und Seitengewässer sowie Feuchtgebiete. 

Blick auf einen kleinen Fluss mit Kiesbank, wo Menschen spielen und entspannen, der Fluss ist von Bäumen umgeben.
Gezielte Kiesentnahmen geben der Auenlandschaft Pfynwald ihre Dynamik zurück. Davon profitieren viele seltene Arten. © Jana Tischer, Aqua Viva

Was wurde konkret im Flussbett der Rhone umgesetzt?

Die Rhone wurde fast auf der gesamten Länge verbreitert, indem Dämme zurückversetzt wurden. Dadurch erhält der Fluss mehr Raum für Eigendynamik. Ein zentraler Punkt war zudem die Anpassung der Art und Weise, wie die Kiesentnahmen durchgeführt werden. Diese sind aus zwei Gründen notwendig: Zum einen transportiert die Rhone am Eingang des Pfynwalds jährlich rund 120 000 Kubikmeter Geschiebe  welches grösstenteils aus Murgängen des Illgrabens stammt. Diese müssen aus Gründen der Hochwassersicherheit alljährlich entfernt werden. Zum anderen wird jährlich Wasser in der Grössenordnung von mehr als einer Milliarde Kubikmetern für die Stromproduktion um den Pfynwald herum abgeleitet. Diese Wassermengen fehlen als gestaltende Kraft. Diese Lösung kommt sowohl Mensch als auch Natur zugute: Seit dem Jahr 2000 wird im Winter Kies gezielt und räumlich verteilt entnommen – statt konzentriert an wenigen Stellen. So erhält die Rhone einen Teil ihrer Dynamik zurück, wovon auch seltene Arten profitieren. Der entnommene Kies wird weiterhin wirtschaftlich genutzt.

Welche Aufwertungen gab es an den Zuflüssen und Seitengewässern?

Es wurde unter anderem die Mündung der Raspille verbreitert und revitalisiert. Auch ein Nebenkanal der Rhone, der ursprünglich den Badesee beim Campingplatz Swiss-Plage in Salgesch speiste, wurde aufgewertet. Heute schlängelt er sich naturnah am Badesee vorbei.

Welche Bedeutung haben diese Seitengewässer für die Tierwelt?

Sie sind entscheidend für das Überleben vieler Arten. Unter extremen Bedingungen wie bei Hochwasser können Fische in diese klaren, von Quellen gespeisten Nebenarme ausweichen. Die Vernetzung zwischen Hauptfluss und Nebenarmen ist deshalb ein zentrales Ziel der Revitalisierungsmassnahmen.

Karte der Artenveränderung im Pfynwald von 2000 bis 2010
Die Artenvielfalt im Pfynwald profitiert stark von den Ersatzmassnahmen im Zusammenhang mit dem Bau der A9. Viele seltene Arten kehrten zurück oder ihre Bestände erholten sich. Oben: Nachweise Rote-Liste-Arten vor 2000, unten: Nachweise Rote-Liste-Arten seit 2010. © DNSB

Welche weiteren Lebensräume wurden im Pfynwald aufgewertet?

Der dicht mit Föhren zugewachsene Rottensand wurde wieder aufgelichtet. Heute wird er extensiv beweidet. Dadurch konnten sich die ehemals im Rottensand weitverbreiteten Trockensteppen wieder ausdehnen – und mit ihnen viele an die darin herrschenden, extremen Bedingungen angepasste Arten. Zahlreiche Stillgewässer und Feuchtgebiete wurden zudem aufgewertet oder neu geschaffen. Sie bieten wertvolle Lebensräume für Amphibien, Libellen und weitere Wasserorganismen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Vielfalt der Lebensräume: vom dynamischen Flussabschnitt bis zu ruhigen, quellgespeisten Gewässern. Dieses Mosaik unterschiedlicher Strukturen ist entscheidend für die hohe Biodiversität.

Welche Erfolge sind heute sichtbar?

Die Bestände der Rote-Liste-Arten im Pfynwald werden regelmässig erfasst. Seit der Umsetzung der Revitalisierungsmassnahmen zeigen sich deutliche Erfolge. So konnte sich der Kleine Rohrkolben in geschützten Seitenarmen wieder etablieren, nachdem er von der allerletzten Walliser Population von der Gamsamündung bei Brig zuerst vermehrt und dann angesiedelt worden war. Auch stark gefährdete Heuschreckenarten haben sich erneut angesiedelt, etwa die Fluss-Strandschrecke, oder sich deutlich ausgebreitet, wie die Türks Dornschrecke. Zudem profitieren Watvögel wie die sehr seltenen Flussuferläufer und Flussregenpfeifer, die heute wieder deutlich mehr Territorien besetzen. Diese Vögel sind anfällig für Störungen.

Wie werden Naturschutz und Naherholung in Einklang gebracht?

Sensible Lebensräume wie Brutgebiete werden gezielt geschützt und sind nicht zugänglich. Gleichzeitig gibt es ein gut ausgebautes Netz an Wanderwegen, das die Besucher:innen lenkt und eine naturverträgliche Nutzung ermöglicht. Ergänzend leistet der Regionale Naturpark Pfyn-Finges wichtige Sensibilisierungsarbeit und trägt dazu bei, das Verständnis für die Schutzbedürfnisse der Natur zu stärken.

Ein Bach schlängelt sich durch einen Auwald.
Der vom Aussterben bedrohte Kleine Rohrkolben kehrte dank der Revitalisierungsmassnahmen an der Rhone und ihren Seitenarmen zurück. © DNSB

Welche Herausforderungen prägen den Bau der A9 und die Ausgleichsmassnahmen?

Das Vorhaben ist äusserst komplex: Hochwasserschutz, Energieproduktion, Infrastruktur und Naturschutz müssen miteinander abgestimmt werden. Zahlreiche Akteure arbeiten so zusammen – von verschiedenen Behörden über Fachstellen bis hin zu Naturschutzorganisationen und dem Regionalen Naturpark Pfyn-Finges. Diese Zusammenarbeit ist aufwendig, aber entscheidend, um tragfähige Lösungen zu entwickeln und die verschiedenen Anforderungen miteinander zu verbinden.

Wie ist der Bau der A9 im Pfynwald aus Ihrer Sicht zu bewerten?

Der Autobahnbau im Pfynwald greift stark in die Landschaft ein, ermöglicht jedoch gleichzeitig die Finanzierung umfangreicher ökologischer Aufwertungen. Insgesamt werden mehrere Millionen Franken investiert – Projekte, die ohne dieses Vorhaben kaum realisierbar gewesen wären. Der lange Zeithorizont bringt zudem Vorteile: Aufwendige und langfristige Massnahmen wie die räumlich verteilten Kiesentnahmen können finanziell gesichert umgesetzt werden. Ein grosser Teil der Aufwertungen wurde zudem bereits vor dem eigentlichen Baubeginn der A9 realisiert.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Pfynwalds?

Ich wünsche mir, dass dieses Zusammenspiel aus Dynamik, Vielfalt und gezielter Steuerung langfristig erhalten bleibt. Auch wenn der Pfynwald kein vollständig natürliches System mehr ist, zeigt sich, dass wir mit dem richtigen Ansatz viel für die Biodiversität erreichen können.

Herr Fontannaz, vielen Dank für das Gespräch.

Gesprächspartner

Michel Fontannaz

ist Naturingenieur und bei der Dienststelle für Nationalstrassenbau des Kantons Wallis in der Umweltbaubegleitung tätig. Dort begleitet er die ökologischen Ausgleichsmassnahmen im Zusammenhang mit dem Bau der A9 im Schutzgebiet Pfynwald.

Kontakt

Email: michel.fontannaz@admin.vs.ch 

Website: www.a9-vs.ch 

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