Bild: © Jana Tischer, Aqua Viva
Artikel aus aqua viva 2/2026
Gewässer des Jahres 2026
Pfynwald – Lebendige Auenlandschaft
Der Pfynwald zeigt, wie lebendig eine Auenlandschaft sein kann. Wo der Fluss Raum hat, formt er sein Bett selbst und schafft ständig neue Lebensräume. Diese Dynamik macht die Auenlandschaft Pfynwald zu einem der letzten grossen Hotspots der Biodiversität im Schweizer Rhonetal. Aqua Viva zeichnet sie als Gewässer des Jahres 2026 aus.
Von Jana Tischer
Der Name, mit dem die durch den Pfynwald fliessende Rhone im Oberwallis bezeichnet wird, ist bezeichnend: Wilder Rotten. Der Rotten hat hier noch Raum, um sich zu entfalten und seine Landschaft laufend neu zu gestalten.
Er verlagert sein Bett, transportiert und lagert Kies um, bildet Seitenarme und Seitengerinne und lässt andernorts Flächen trockenfallen. Diese Dynamik ist zentral für die hohe ökologische Qualität der Aue. Nur durch die regelmässige Umgestaltung entstehen vielfältige Lebensräume – etwa Kieslaichplätze für Fische oder Abbruchkanten für Vogelarten, die in Uferwänden brüten.
Neben dem dynamischen Flussbett treffen im Pfynwald auf engstem Raum unterschiedlichste Lebensräume aufeinander: trockene Föhrenwälder, Trockensteppen, quellengespeiste Zuflüsse, Teiche und Feuchtgebiete. Diese Vielfalt bietet ideale Bedingungen für zahlreiche Tier-, Pflanzen und Pilzarten, darunter viele spezialisierte und seltene. So finden hier etwa Flussregenpfeifer, Flussuferläufer und Bienenfresser geeignete Lebensräume – ebenso wie zahlreiche Libellen-, Amphibien- und Heuschreckenarten sowie Orchideen und Gräser. Viele von ihnen sind in anderen Regionen längst selten geworden oder verschwunden (BINA Engineering SA 2016).
Zwischen Autobahn und Auenlandschaft: Der Pfynwald im Wandel
Im Zusammenhang mit dem Bau der A9 wurden umfassende ökologische Aufwertungen umgesetzt. Michel Fontannaz von der Dienststelle für Nationalstrassenbau des Kantons erklärt, wie die Rhone und der Rottensand heute aussehen und welche Erfolge sichtbar sind.
Vom Menschen geformt
Der Pfynwald war nicht immer die eindrückliche Auenlandschaft, die er heute ist. Er erzählt eine Entwicklungsgeschichte, die exemplarisch für viele Flusslandschaften in der Schweiz steht. Er ist das einzige grössere Auengebiet im Schweizer Rhonetal, während rund 90 Prozent der Feuchtgebiete in der Region verloren gegangen sind. Auch wenn die Rhone hier nie so stark eingeengt werden konnte wie an anderen Flussabschnitten – wegen der hohen Geschiebefracht aus dem Illgraben – wurde ihm durch seitliche Dämme dennoch Raum genommen. Dadurch fielen viele dynamische Lebensräume trocken, verwaldeten und gingen verloren. Zusätzlich wird der natürliche Wasserhaus halt durch Wasserentnahmen für die Wasserkraft beeinflusst. Dem Fluss fehlt damit ein Teil der Wassermenge, um seine natürliche Dynamik vollständig zu entfalten. Die Rhone ist ausserdem von Schwall-Sunk betroffen, wodurch es infolge des Kraftwerksbetriebs zu abrupten Abfluss- und Wasserstandsschwankungen kommt, die die Flussökologie, Lebensräume und Wassertiere stark belasten können (BAFU 2007; BAFU 2024).
Im Pfynwald treffen verschiedene Nutzungen direkt aufeinander: Naturraum, Landwirtschaft, Tourismus und Erholung, Kies- und Wassernutzung, Infrastruktur und Schutzmassnahmen überlagern sich auf engem Raum. Diese Vielfalt an Ansprüchen bringt Herausforderungen mit sich, eröffnet aber auch vielfältige Möglichkeiten, Schutz und Nutzung gemeinsam weiterzudenken.
Ein Beispiel, das Hoffnung macht
Der Einsatz für eine naturnahe Auenlandschaft Pfynwald zeigt, was möglich ist, wenn der Natur wieder mehr Raum gegeben und Lebensräume gezielt aufgewertet werden. Im Zuge des Baus der Autobahn A9 gehen zwar natürliche Flächen verloren, gleichzeitig wird jedoch deutlich, wie viel durch die enge Zusammenarbeit von Behörden und Organisationen erreicht werden kann: Mit gezielten ökologischen Aufwertungen konnten viele Lebensräume verbessert und seltene Arten zurückgebracht werden (Dienststelle für Nationalstrassenbau o.J.).
Auch mehrere Hochwasserereignisse verdeutlichten, warum die Rhone Platz braucht, und brachten Veränderungen mit sich. Zuletzt kam es im Jahr 2000 zu einem Dammbruch auf einer Länge von rund 100 Metern (BWG 2002). Das Wasser überflutete Teile des Pfynwalds und des Hinterlands und konnte nicht abfliessen, da der Damm damals noch durchgehend war. Inzwischen wurde der Damm zurückversetzt und geöffnet. Das Ergebnis ist ein verbesserter Hochwasserschutz und die Natur profitiert von mehr Raum für dynamische Flussprozesse.
Heute ist der Pfynwald zudem ein beliebtes Ziel für Naturbegeisterte und Schulklassen. Einen wichtigen Beitrag leistet der Regionale Naturpark Pfyn-Finges, der informiert, sensibilisiert und das Verständnis für diese einzigartige Landschaft fördert.
Flussauen im Fokus
Aqua Viva rückt den Pfynwald in den Fokus und zeichnet die Auenlandschaft als Gewässer des Jahres 2026 aus. Sie steht stellvertretend für die Flussauen der Schweiz, die «Regenwälder der Schweiz». Flussauen sind weit mehr als dynamische, artenreiche Lebensräume. Für uns Menschen übernehmen sie wichtige Funktionen: Sie schützen vor Hochwasser, fördern die Grundwasserneubildung und unterstützen die natürliche Selbstreinigung der Gewässer. Gleichzeitig liefern sie Ressourcen und tragen zur Klimaregulation bei. Als prägende Elemente unserer Landschaft stiften sie Identität, bieten Erholung und dienen als lebendige Lernorte direkt vor unserer Haustür.
Wir laden Sie ein, den Pfynwald und andere Auenlandschaften selbst zu entdecken. Wer sie erlebt, erkennt schnell, wie kraftvoll und zugleich verletzlich Natur ist – und wie wertvoll es ist, ihr Raum zu geben und sich für sie einzusetzen.
Bewegte Geschichte
Seit der Eisenzeit begannen Menschen, den Pfynwald zunehmend zu nutzen. Durch das Rhonetal führte eine wichtige Nord-Süd-Verbindung, die später auch von den Römern und im Mittelalter als Handelsroute über den Simplon nach Italien ausgebaut wurde. Der Pfynwald entwickelte sich so zu einem bedeutenden, zugleich aber anspruchsvollen Durchgangsraum, der auch Räuber angezogen haben soll. Im Mittelalter entstand die erste Siedlung Pfin. Die Bevölkerung lebte von Ackerbau und Viehzucht, musste sich jedoch immer wieder an die unberechenbare Natur mit Hochwassern, Murgängen und wechselnden Flussläufen anpassen (Paccolat 2011). Ein einschneidendes Ereignis waren die Schlachten im Pfynwald Ende des 18. Jahrhunderts, als französische Truppen in die Schweiz einmarschierten und dort den Oberwalliser Aufstand niederschlugen (Salzmann 2024). Noch heute erinnert das Pfyndenkmal an die Pfynschlacht von 1799. Auch kulturell und sprachlich ist der Pfynwald besonders, denn er vereint Ober- und Unterwallis, deutsch und französisch. Die heutige Sprachgrenze wird durch die Raspille markiert, einen Zufluss nördlich der Rhone zwischen Salgesch und Siders.
Artenportraits
Gewässer des Jahres 2026
Mit dem Gewässer des Jahres 2026 möchten wir aufzeigen, wie wichtig es ist, sich für den Schutz der noch intakten sowie die Aufwertung beeinträchtigter Auen einzusetzen. Durch mehr Raum für Flüsse, die Sanierung von Wasserkraftanlagen und gezielte Revitalisierungsmassnahmen können Auen ihre natürlichen Funktionen wieder erfüllen – und die Natur kann zurückkehren.
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